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Kunst des 19. Jahrhunderts und Alte Meister
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

"Tiberlandschaft"

Aquarell. 11 x 19 cm. Bezeichnet rückseitig "An der Tiber über Rom gegen Villa Madama über Feb. 87". Darunter Testat: "von Goethes eigener Hand Al. v. Humboldt 1851"
Provenienz:Privatsammlung Berlin
Auktionsergebnis: 205.000 €
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Zu dieser Arbeit von Johann Wolfgang von Goethe

Margarete Oppel von der Klassik Stiftung Weimar schreibt zu diesem Blatt: Neben seinen literarischen, naturwissenschaftlichen und kunsttheoretischen Werken, in denen sich seine weitgespannten Interessen und Fähigkeiten spiegeln, und den amtlichen Schriften, gehört zu den überlieferten Zeugnissen der immensen Lebensleistung Goethes, ein eindrucksvolles, umfangreiches zeichnerisches Œuvre: Erhalten sind rund 2600 Blätter. Allein der Umfang dieses bildkünstlerischen Werkes beeindruckt und lässt den Schluss zu, dass es sich hier um mehr als eine bloße Liebhaberei oder Dilettantisches handelt: "Goethes Dichtungstrieb, verschlungen in seinen Hang und seine Anlage zur bildenden Kunst, und sein Drang, von der Gestalt und dem äußeren Objekt aus dem innersten Wesen der Naturgegenstände und den Gesetzen ihrer Bildung nachzuforschen, sind in ihrem Prinzip eins und ebendasselbe und nur verschieden in ihrem Wirken." Was Wilhelm von Humboldt 1830 mit diesen Worten über die innere Einheit von Goethes Dichten, Forschen und Zeichnen sagte, hat dieser wiederholt selbst bekundet. Seine Zeichnungen, die Früchte vieljährigen Strebens, in der bildenden Kunst Bedeutendes zu leisten, wurden von ihm immer auch als Teil seines Lebenswerkes gesehen. Das Zeichnen, auf das er sich als bildender Künstler konzentrierte, war ihm unentbehrliches Hilfs- und Ausdrucksmittel. Ersten Unterricht erhielt Goethe schon als Kind im Elternhaus von dem Frankfurter Zeichenmeister Johann Michael Eben. Eine systematisch-akademische Ausbildung hat Goethe nicht absolviert. Doch während seines Jurastudiums in Leipzig besuchte er – quasi im Nebenfach – die Zeichenakademie des frühklassizistischen Malers Adam Friedrich Oeser. Und stets um die Vervollkommnung seiner bildkünstlerischen Anlagen bemüht, ließ er sich im privaten Rahmen bis in die 1810er-Jahre hinein immer wieder von bedeutenden Künstlern seiner Zeit unterrichten. Als Voraussetzung für eine erstklassige künstlerische Ausbildung galt damals auch ein Studium in Italien. Daher war es folgerichtig, dass er während seiner Italienreise mit professionellen Künstlerkollegen wie Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Angelika Kauffmann, Friedrich Bury, Christian Georg Schütz, Albert Dies, Jacob Philipp Hackert, Christoph Heinrich Kniep, Maximilian van Verschaffelt, Johann Heinrich Meyer, "als episodischer Schüler" intensiven Umgang pflegte. Mit J.H.W. Tischbein als Mentor erlebte Goethe von Ende Oktober 1786 bis Ende Februar 1787 in Rom eine besondere Phase dieser Form des Unterrichts. Bereits im November und Dezember 1786 unternahmen beide im Nordwesten Roms den Tiber entlang ausgedehnte Wanderungen mit gemeinsamem Zeichnen vor der Natur. In den Tagen kurz vor seiner Abreise nach Neapel hat Goethe sehr intensiv gezeichnet. Offenbar war es ihm wichtig festzuhalten, wie Rom und die Landschaften der Campagna die Roma seinen bis dahin an niederländischen Vorbildern – u.a. an Rembrandt – geschulten Blick verändert hatten, bevor er in Italiens Süden neue Eindrücke gewann. Das bildgebende dramatische Helldunkel der Niederländer mit der Vorliebe für "idyllische Winkel" wurde in Rom abgelöst durch neue Leitbilder: die Ideallandschaften Claude Lorrains und Nicolas Poussins. Was 1786 als prozesshafter Wandel begonnen hatte, reflektierte Goethe in der Italienischen Reise unter dem Datum 17. Februar 1787: "Manchmal erinnere ich mich, wie der Künstler in Norden den Strohdächern und verfallenen Schlössern etwas abzugewinnen sucht, wie man sich an Bach und Busch und zerbröckeltem Gestein herumdrückt, um eine mahlerische Wirkung zu erhaschen, und ich komme mir ganz wunderbar vor, um so mehr als jene Dinge nach so langer Gewohnheit einem immer noch ankleben". Praktisch erprobte er die Umsetzung seiner gewandelten Sehweise 1786 zunächst in der Landschaft mit dem Kahn, nach Rembrandt [Abb. von Corpus II, 46]: Die kontraststarke Lichtführung in Rembrandts Radierung Het schuyte op de voorgrundt wurde in der bildmäßig ausgeführten Federzeichnung zwischen den dunklen und helleren Zonen durch Lavierung in fließende Übergänge abgemildert und Rembrandts Landschaftshintergrund durch eine in die Tiefe hinein gestaffelte, südlichen Landschaft ersetzt. So glückte Goethe "eine eigenständige Leistung, die Norden und Süden ineinander aufgehen lässt." Stolz auf seine Fortschritte im Zeichnen und sehr darauf bedacht die neuen Seherfahrungen im Bild zu fixieren, konzipierte er im Februar 1787, gewissermaßen als Bildbericht für die in Deutschland zurückgebliebenen Freunde, eine Serie von farbigen Landschaften. Über dieses wichtige Zeichnungsprojekt unterrichtete er neben Charlotte von Stein auch Johann Gottfried Herder und Carl Ludwig von Knebel, an ihn schrieb er am 19. Februar 1787: "Diese letzte Zeit in Rom geht es ein wenig bunt über einander, in meinem Kopfe um so mehr als der ZeichenGeist in mich gefahren und ich seit Tagen beständig gekritzelt und gesudelt habe. Ich schicke 10 Stückgen manigfaltiger Gegenden, die vielleicht nicht 3000 Schritte auseinander liegen. Ich hatte ihrer noch viel gezeichnet um die Abänderung der Gegenstände recht fühlbar zu machen, sie wurden aber nicht fertig." [GB 7I, S. 129 f.] Die am 21. Februar an die Freunde abgeschickte Sendung enthielt zehn Aquarelle mit bewusst, meist im Park der Villa Borghese, ausgewählten Motiven [Abb. C II, 55 und 57]. Mit diesen kleinformatigen Zeichnungen – zu ihnen gehört auch die Tiberlandschaft – erprobte Goethe seine "neue Manier". Und inspiriert vom Licht des römischen Frühlings, hatte er "Lust mit Farben zu spielen". Die "bunten Dinge", wie er die Serie auch nannte, sind homogen und differenziert aquarelliert mit der Tendenz zu einem kühlen Blaugrau, wodurch das Kolorit der Tiberlandschaft etwas verhalten wirkt. Mit der eigenhändigen Bezeichnung "An der Tiber über Rom gegen Villa Madama über" auf dem Verso hat Goethe sie exakt lokalisiert. Im Stil der klassischen römischen Ideallandschaften nach den Regeln der Harmonielehre komponiert, werden der Tiber und die ihn flankierenden Wege in die Raumtiefe der transparent wirkenden Hügellandschaft hineingeführt. Mit seiner Tiberlandschaft ist es Goethe gelungen den Eindruck einer in sich ruhenden Welt zu vermitteln.

Literatur:

Femmel, Gerhard: Corpus der Goethezeichnungen, Corpus Band VIB - Zeichnungen ausserhalb der Goethe-Institute der nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar, Leipzig 1971, Nr. 55, Abb.

Vermittelt von Sascha Tyrra Kunstvermittlung im Jahre 2017